Google Face View

Letzte Woche sorgte Facebook wieder einmal für Aufregung, diesmal mit der  automatischen Gesichtserkennung („Facebooks Gesichtskontrolle empört Datenschützer„). Nun betrifft dies ohnehin nur Menschen, die sich freiwillig bei Facebook registrieren, und dann auch nur deren Facebook-Freundeskreis.

Doch kurz nach Facebook hat dann Google, von der Öffentlichkeit allerdings kaum wahrgenommen, ebenfalls eine neue Funktion eingeführt: „Suche anhand von Bildern“ („Search by Picture“). Man kann nun anstatt einen Text-Suchbegriff einzugeben statt dessen nach einem Foto suchen lassen. Und zwar ziemlich bequem entweder per Drag and Drop, URL-Angabe oder Upload. Noch scheint die Funktion in Deutschland nicht vollständig ausgerollt zu sein, das Kamerasymbol erscheint noch nicht immer neben dem Suchfeld der Bildersuche, auch stürzt die Funktion gerne noch ab – aber sie funktioniert prinzipiell. Eine richtige Gesichtserkennung scheint zwar (noch) nicht darin enthalten zu sein, aber bei prominenten Menschen und Gegenständen äußert Google eine Vermutung, wie hier korrekt am Beispiel Angela Merkel:

Gute Ergebnisse erzielt man bspw. auch mit Gebäuden wie dem Brandenburger Tor oder dem Berliner Fernsehturm am Alex. Bei weniger prominenten Menschen werden zuverlässig alle Kopien des Fotos gefunden (also ein super Tool für Fotografen, um Bildrechte zu checken), aber eine Namens-Vermutung wird nicht geäußert, und die zusätzlich aufgeführten „optisch ähnlichen Bilder“ sind hier dann bestenfalls lustig. Bei diesem Beispiel beschränkt sich die Ähnlichkeit anscheinend auf „schwarzer Anzug vor grauem Hintergrund“:

Oder noch drastischer hier mit einem Paar Wiener Würstchen:

Es wirkt folglich so, als ob Google „nur“ die Goggles-Funktion, die bislang nur für Android eingesetzt wurde, nun auch ins Web ausrollt. Und im Web wie in Android auf echte Gesichtserkennung (noch) verzichtet.

Das Google aber keinesfalls zu blöd zum Gesichter-Erkennen ist, zeigt deren Bildbearbeitungssoftware Picasa, in die schon seit Längerem eine Gesichtserkennung eingebaut ist. Und die unterscheidet recht zuverlässig bspw. auch sich ähnlich sehende Geschwister und ordnet sogar Faschingsfotos mit Perücken korrekt zu. Dieser Gesichtserkennungsfunktion bei der Arbeit, also dem Scannen, zuzuschauen, ist ein Genuss für Jedermann, nicht nur für Machine-Learning-Anhänger: Die Software findet zunächst die Gesichter auf den Fotos, gruppiert ähnliche Gesichter und tagged sie dann mit dem vom Anwender eingegeben Namen. Etwas spooky ist stets, auch die Gesichter unbekannter Menschen aus dem Bildhintergrund plötzlich als Portraitausschnitt zum Taggen vorgelegt zu bekommen.

Man merkt aber auch schnell, was für ein Maschinenaufwand hier betrieben wird: Die Urlaubsfotos mehrerer Jahre brauchen dann gerne auch mal mehrere Stunden, bis Googles Picasa sie durchgescannt hat.

Obwohl es also auf Privatrechnern längst gut funktionierende Gesichtserkennung gibt, betrachten viele das Thema mit großer Sorge. Ein Beispiel:

„Ich sitze hier im Speisewagen. Einmal die Kamera hoch, und ich habe die Namen, die Tweets, die fb-fotos etc.“

twitterte der Unternehmer, Agenturgründer, Jurist, Informatiker & Mensch Christoph Kappes.

Und ein professioneller Film von Studenten der FH Salzburg erfindet ein Gerät namens Miio: ein Fotohandy, das einem sofort alle verfügbaren Infos zum Fotografierten liefert – also eigentlich Googles Goggles mit aktivierter Gesichtserkennung:

Was ist nun der Unterschied zwischen dem nicht weiter umstrittenen Picasa einerseits und Miio oder Goggles mit aktivierter Gesichtserkennung andererseits? Die Datenbank dahinter.

Die Gesichtserkennungssoftware braucht Fotos als Futter. Liegen die Fotos auf dem eigenen Rechner, dann macht sich auch keiner große Sorgen. Aber die Festplatten von Google und Facebook sind eben nicht die eigenen Festplatten. Facebook schränkt die Gesichtserkennung auf den eigenen Freundeskreis ein. Zumindest werden nur die Fotos aus dem eigenen Freundeskreis für das berücksichtigt, was der User zu sehen bekommt. Was Facebook im Hintergrund noch alles macht? Nobody knows. Dabei kann die Funktion ausgesprochen praktisch sein: Wenn man Personen mit Allerweltsnamen wie Stefan Müller sucht, dann hilft ein Foto bestimmt mehr als der Name.

Ein naheliegender nächster Schritt dürften noch mehr Fotoservices von Facebook und Google sein, also Speicherplatz für Fotos, Foto-Bestellservice, Foto-Alben und Poster, bedruckte Tassen und das übliche – alles aus einer Hand.

Damit beginnt ein neuer Wettkampf: Die größte Textdatenbank hat Google schon heute – untergebracht in fabrikhallengroßen Rechenzentren. Aber wer wird die größte Foto-Datenbank haben? Google oder Facebook oder wer?

Wahrscheinlich wird sie mindestens ebenso wertvoll sein wie Googles Textdatenbank. Denn die Fotodatenbank – v.a. wenn im Extremfall alle Menschen alle Fotos in ihr hochladen – wird kommerziell ausgesprochen interessant:

  • Wer war wann im Urlaub und wo?
  • Sind Haustiere zu sehen?
  • Babies?
  • Spricht das Baujahr des Autos für einen baldigen Auto-Neukauf?
  • Wer trinkt Coke, wer Pepsi?
  • Dick oder dünn?
  • Schwarz oder weiß?
  • Hakennase?
  • Blond, brünett, Glatze?

All das läst sich schon heute recht leicht aus den Fotos analysieren, auch ohne dass es der User bemerkt. Man muss nur den Zugriff auf die Fotos haben – und kostenloser Speicherplatz etc. dürften da sehr hilfreich sein.

Ist das datenschutzrechtlich erlaubt? Vielleicht ja: Die Fotos werden nicht ohne Zustimmung veröffentlicht, sondern nur analysiert.

Wird die Fotodatenbank nur mit selber hochgeladenen Privat-Fotos bestückt werden? Nein. Mindestens zwei weitere Quellen sind erwartbar:

Erstens das Google Street View Modell: Die Kamerawagen sind für Google und Co. kostenseitig eher Peanuts. Wenig spricht dagegen, sie regelmäßig oder gar immer durch die Gegend fahren zu lassen. Und wer soll wie kontrollieren, ob die Fotos, bevor die Gesichter darauf für die Veröffentlichung gepixelt wurden, nicht doch durch die Gesichtserkennung gelaufen sind? Andererseits erscheint der Aufwand unnötig, wenn alle Menschen via Smartphone ohnehin fortlaufend verortet werden können.

Noch simpler und attraktiver dürften aber Kooperationen mit stationären Web- und Überwachungskameras sein. Ein riesiges Geschäftsfeld, man denke an U-Bahn-Schläger in Berlin und sonstwo. Tankstellen, Kioskbesitzer, Laubenpieper – sie alle könnten dankbar – nach guter alter Google-Manier – kostenlosen Speicherplatz und Analysesoftware für Überwachungskameras nutzen. Das wird datenschutzrechtlich noch spannend.

Der alte Grundsatz vom Recht am eigenen Bild dürfte da an Grenzen stoßen: Weil er erstens nur die Verbreitung der Bilder und nicht deren Erstellung regelt – Google und Facebook werden wohl tatsächlich nichts ohne Einwilligung veröffentlichen, aber eben analysieren.

Und zweitens ist die Ausnahme-Klausel, wonach Bilder dann doch verbreitet werden dürfen, wenn die Personen nur Beiwerk einer Landschaftsaufnahme sind oder an Versammlungen teilgenommen haben, heutzutage eher wertlos, wenn man, wie Picasa eindrucksvoll zeigt, auf hochaufgelösten Fotos auch Menschen im Hintergrund portraithaft herausschneiden kann.

Am Ende gilt: Ein Bild sagt mehr als tausend Worte.

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2 Antworten zu Google Face View

  1. Melanie schreibt:

    Hallo,
    interessanter Beitrag. Eine Kleinigkeit ist mir aufgefallen: der Film ist von Studenten der Fachhochschule Salzburg und nicht von der UdK.

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